Potsdam | Haben die Streamingdienste deutsche Serien besser gemacht?
Fernsehgeschichte & TV-Trends
Potsdam (dpa) - Erinnert sich noch jemand an «You Are Wanted» von und mit Matthias Schweighöfer? Das war vor rund zehn Jahren, im Frühjahr 2016, die erste deutsche Serie, die von einem internationalen Streamingdienst in Auftrag gegeben wurde (Veröffentlichung dann 2017).
Die ersten deutschen Fiction-Serien internationaler Streamer im Überblick:
- Prime Video: «You Are Wanted» (März 2017)
- Sky: «Babylon Berlin» als erstes sogenanntes deutsches Sky Original - in Zusammenarbeit mit der ARD (Oktober 2017)
- Netflix: «Dark» (Dezember 2017)
- Disney+: «Sam - Ein Sachse» (April 2023)
- Apple TV «Where`s Wanda?» (Oktober 2024)
- HBO Max: «Banksters» (Februar 2026)
Bei «You Are Wanted» hieß es damals, diese Thriller-Serie habe man so nicht bei einem klassischen Fernsehsender machen können. Produzent Dan Maag betonte, dass etwa mit Alexandra Maria Lara eine Schauspielerin an Bord sei, die für eine Serienproduktion im klassischen TV nicht zu haben gewesen wäre.
Außerdem seien die redaktionellen Wege bei Amazon kürzer, die Entwicklung von der ersten Besprechung bis zur Fertigstellung habe mit knapp anderthalb Jahren vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch genommen.
Das Versprechen lautete also verkürzt gesagt: Die Streamingdienste sorgen schneller für spannendere Stoffe auf dem Bildschirm (mit mehr Stars).
Nach rund zehn Jahren lohnt sich also die Frage: Was blieb davon übrig oder hat das den gesamten deutschen TV-Markt womöglich dauerhaft inspiriert? Hat die Ankunft der Streamer dem deutschen Serienmarkt gutgetan?
Streamingdienste machten deutsche Serien international sichtbarer
«In vielerlei Hinsicht ja», sagt Susanne Eichner von der Film-Uni Potsdam (Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf). «Streamingplattformen haben das Budgetniveau und die Produktionsstandards deutlich erhöht und damit dazu beigetragen, dass deutsche Serien international sichtbarer geworden sind», sagt die Professorin für Analyse und Ästhetik audiovisueller Medien.
Produktionen wie die weltweit erfolgreiche Netflix-Serie «Dark» haben demnach gezeigt, dass deutsche Serien komplex sein dürfen und gleichzeitig für ein lokales wie auch ein globales Publikum funktionieren können.
Diese Entwicklung habe aber auch Kehrseiten, sagt Eichner: «Beispielsweise arbeiten Streamingplattformen häufig mit Verträgen, bei denen die Verwertungsrechte weitgehend bei der Plattform bleiben.» Produzentinnen und Produzenten erhielten zwar höhere Budgets, profitierten aber nur begrenzt von späteren internationalen Erlösen. «Kreativ hat der Markt also zunächst gewonnen – wirtschaftlich ist die Bilanz ambivalenter.»
Haben ARD und ZDF von Netflix und Co. was gelernt?
Der Wettbewerb mit Streamingplattformen hat laut Professorin Eichner dazu geführt, dass öffentlich-rechtliche Sender stärker auf serielle Formate, innovative Stoffe und Mediatheken setzten. «Man sieht mehr Versuche, neue Genres auszuprobieren und jüngere Zielgruppen anzusprechen. Ohne den Einfluss der Streamingplattformen hätte es einige Serienformen im deutschen Markt wahrscheinlich so nicht gegeben.»
Gleichzeitig blieben ARD und ZDF natürlich einem anderen Auftrag verpflichtet als kommerzielle Plattformen, betont Eichner. «Deshalb übernehmen sie einige erzählerische und produktionelle Impulse, aber nicht das gesamte Modell.»
Als besonders gelungen bei den Streamern betrachte die Professorin aus den Studiengängen Medienwissenschaft und Digitale Medienkultur die Serien, «die eine klare kreative Perspektive entwickeln und nicht einfach internationale Formate kopieren». Beispiele seien etwa «Unorthodox» oder «Kleo». Beide Netflix-Serien erzählten sehr spezifische Geschichten mit klarem kulturellen und lokalen Bezug und seien dabei mutig in Genre und Stil.
So gewinnt man ein internationales Publikum für sich
«Ein internationales Publikum wird erreicht, wenn eine sogenannte transnationale Grammatik erfüllt wird», sagt Eichner, «etwa durch starke Genres, anschlussfähige Themen und eine überzeugende visuelle Umsetzung». Deutsche Serien mit sehr großer Publikumsreichweite wie «Die Kaiserin» (Netflix) oder «Maxton Hall» (Prime Video) zeigten, dass deutsche Produktionen inzwischen weltweit ein Publikum finden können.
Dennoch ist seit der Ankunft der internationalen Streamer nicht alles bestens geworden. «Ein strukturelles Problem liegt weiterhin in der Entwicklung von Stoffen.» In Deutschland wird die Serien-Entstehung oft noch immer stark von redaktionellen Abläufen geprägt. In anderen Ländern seien häufiger Writers` Rooms üblich (meint kollaborative, aber auch von Redaktionen und Gremien unabhängigere Autorenarbeit), außerdem klare Showrunner-Strukturen.
Diese Probleme hat der deutsche Serienmarkt nach wie vor
Zugleich, so Eichner, sei hierzulande die Diversität hinter der Kamera – etwa bei Autorinnen oder in den kreativen Leitungspositionen – vergleichsweise gering, auch wenn sich in den letzten Jahren etwas bewegt habe. «Mehr unterschiedliche kreative Stimmen würden wahrscheinlich auch zu größerer thematischer und stilistischer Vielfalt führen.»
Wünschenswert seien etwa Serien, die neue Perspektiven oder bewusst positive gesellschaftliche Entwürfe erzählten: «Gegenbilder zu den vielen dystopischen Narrativen, die derzeit den internationalen Serienmarkt prägen.»
© dpa-infocom, dpa:260401-930-893907/1
weitere Nachrichten
Schlagzeilen
NRW & die Welt
Polizist erschossen: Mann wegen schweren Raubes verurteilt
Stars & Sternchen
Hamburg | Grönemeyer mit Deutschem Nationalpreis ausgezeichnet
Stars & Sternchen
New York | Megan Thee Stallion kommt während Broadway-Show in Klinik
Stars & Sternchen
New York | Megan Thee Stallion kommt während Broadway-Show in Klinik
Lokalnachrichten
Vlotho: Große Anwohner-Sorgen wegen ICE-Trasse
Lokalnachrichten
Kreis Herford/Bünde: Apothekerschaft findet SPD-Brief ignorant
Lokalnachrichten
Herford: Bündnis gegen Rechts will Auftritt von Comedian verhindern
Stars & Sternchen
Münster | Roland Kaiser kommt mit Filmbiografie ins Kino
Stars & Sternchen
Münster | Roland Kaiser kommt mit Filmbiografie ins Kino
Stars & Sternchen
Kyoto | Vom Pilzkönigreich ins All - «Der Super Mario Galaxy Film»
Lokalnachrichten
Kirchlengern: Nordring auch Mittwochmorgen noch gesperrt
Lokalnachrichten