Brüssel | «Wieder atmen lernen»: Zehn Jahre Brüsseler Terroranschläge
Jahrestag
Brüssel (dpa) - «Ein normales Leben ist fast nicht mehr möglich», sagt Pascal Corneillie - und das auch zehn Jahre nach einem der wohl schlimmsten Erlebnisse, die man als Mensch erfahren kann. «Die Bilder, die Gerüche, das Schreien und Weinen von Kindern, deine Dutzenden Freunde und Bekannten, die dort schwer verletzt oder tot liegen, schrecklich verstümmelt – das lässt einen nicht los.» Stattdessen bleibe man ständig angespannt, vertraue niemandem mehr, lebe dauerhaft im Kampfmodus, erzählt er.
Der ehemalige Bundespolizist Corneillie geht am 22. März 2016 seiner Arbeit als Grenzschützer am Brüsseler Flughafen nach, als in der Abflughalle plötzlich eine Bombe hochgeht. Augenzeugen berichten von einem Knall und einem orangefarbenen Feuerball in der Mitte des Terminals. Kurz danach explodiert eine zweite. Eine dritte zündet fehl.
Fast drei Dutzend Tote und mehr als 300 Verletzte
Eine gute Stunde später wird in der Metrostation Maelbeek im EU-Viertel der belgischen Hauptstadt noch eine Bombe explodieren. Insgesamt sterben 32 Menschen, darunter drei Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Mehr als 300 Menschen werden verletzt. Drei Menschen sterben nach den Anschlägen durch Krankheit oder Suizid, die offizielle Zahl der Todesopfer liegt daher bei 35.
Er sei nicht einmal ausgebildeter Ersthelfer gewesen, sagt der heute 60 Jahre alte Corneillie. Mit den Anschlägen von Paris im Kopf habe man auf eine unbekannte Gefahr zugehen müssen. «Mein Körper hat sehr stark auf das reagiert, was ich gesehen habe und was ich tun musste», erzählt er. «Danach frage man sich, was man tun soll – man schläft nicht mehr, eine posttraumatische Belastungsstörung.» Und man habe sie nicht allein. «Die ganze Familie wird Zeuge davon, dass man sich verändert», berichtet der Belgier.
Brüsseler Anschläge Teil islamistischer Terrorserie
Die Anschläge in der belgischen Hauptstadt vor zehn Jahren reihten sich ein in eine islamistische Terrorserie. Im November 2015 hatten islamistische Terroristen bei einer Serie koordinierter Anschläge in Paris 130 Menschen getötet und 350 verletzt. Die meisten Todesopfer gab es im Konzertsaal Bataclan. Im Dezember 2016 tötete ein Terrorist zwölf Menschen in Berlin.
Auch Jahre danach waren die Folgen des Terrors in Brüssel sichtbar. Schwer bewaffnete Polizisten und Soldaten gehörten zum Straßenbild. Zehn Jahre nach den Attacken wird die Bedrohungslage von den staatlichen Behörden als «ernst» eingestuft - Stufe drei von vier.
Neben mehr Polizeipräsenz und Sicherheitsmaßnahmen wurden in Belgien nach den Anschlägen auch verstärkt Maßnahmen zur Deradikalisierung und Prävention ergriffen. Auch in der Brüsseler Gemeinde Molenbeek starteten Initiativen zur sozialen Integration und Bildung, um etwa strukturelle Probleme wie Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und soziale Ausgrenzung anzugehen, die als Risikofaktoren für Radikalisierung gelten.
Das westlich der Brüsseler Innenstadt liegende Molenbeek wurde als Rückzugsort radikaler Islamisten bekannt. Drahtzieher verschiedener Anschläge haben hierher Verbindungen - so etwa Salah Abdeslam, der als Hauptverantwortlicher bei den Pariser Anschlägen gilt und auch bei den Brüsseler Anschlägen mitwirkte.
Prozess geht sieben Jahre nach den Anschlägen zu Ende
Abdeslam und neun weitere Angeklagte mussten sich in einem Mammutprozess für die Anschläge in Belgien vor Gericht verantworten. Der Prozess ging 2023 zu Ende, verhängt wurden jahrzehntelange bis lebenslange Haftstrafen. Das öffentliche Interesse an dem Prozess mit mehr als 900 Nebenklägerinnen und -klägern war enorm.
Opferorganisationen hatten sich wiederholt über mangelnde Unterstützung des schwerfälligen Staatsapparats beschwert und die chronisch überlastete belgische Justiz kritisiert. Für Fassungslosigkeit bei den Hinterbliebenen sorgten auch Medienberichte, wonach mehrere der Angeklagten vor den Anschlägen in Paris und Brüssel von den belgischen Sicherheitsbehörden überwacht worden waren - und später dennoch ihre Bluttaten verüben konnten.
Opfer fühlen sich allein gelassen
Überlebende und Angehörige trugen an Prozesstagen teils T-Shirts mit Aufschriften wie «Ignorierte Kinder» und «Nie entschädigte Opfer». Die Organisation Life4Brussels ließ zum Prozessende wissen, dass sich die Wut der Opfer nicht mehr nur gegen die Attentäter richte, «sondern auch gegen den belgischen Staat, der dazu beigetragen hat, ihre Not zu vergrößern».
Auch der ehemalige Polizisten Corneillie aus dem flämischen Landesteil Belgiens fühlt sich im Stich gelassen. «Allein dafür, dass wir am Flughafen Leben gerettet und Initiativen ergriffen haben, lässt man uns ohne Hilfe», sagt er. Beamten werde zwar vieles erstattet, aber gleichzeitig gebe es Versicherungen, die alles lächerlich machten oder herunterspielten. Alles müsse man selbst herausfinden.
Für Corneillie bedeute der zehnte Jahrestag der Anschläge alles hinter sich zu lassen. «Wieder leben, ja – aber mit einer anderen Perspektive, die Dinge relativieren. Wieder leben, wie eine andere Person. Wieder lernen zu atmen.»
© dpa-infocom, dpa:260322-930-849002/1
Markus Lenhardt/dpa | Auch an der Metrostation Maelbeek - dort wird an der Unterführung das Wort «remember» an die Wand projiziert - fand ein Anschlag statt. (Archivbild)
weitere Nachrichten
Schlagzeilen
Lifestyle & Freizeit
Leipzig | Abschied für Annett Renneberg von «In aller Freundschaft»
Lifestyle & Freizeit
Frankfurt/Main | «Tatort» Frankfurt: Tödlicher Hochhausbrand wirft Fragen auf
Lifestyle & Freizeit
Los Angeles | Star Trek, Heavy-Metal und ins All: William Shatner wird 95
NRW & die Welt